Elektronische Entgeltunterlagen werden ab 2027 Pflicht: Warum PDFs allein nicht genügen

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob ein Dokument digital ist, sondern ob der Arbeitgeber seinen Entgeltprozess beherrscht

Thomas Schmid
Thomas Schmid

4. September 2026 | 8 Minuten Lesedauer

Elektronische Entgeltunterlagen in einem geordneten digitalen Prüfprozess

Ein Arbeitgeber kann 2027 sämtliche Lohnunterlagen als PDF besitzen und trotzdem schlecht auf eine Betriebsprüfung vorbereitet sein. Dateien können unvollständig, falsch zugeordnet, mehrfach abgelegt oder für Vertretungen unauffindbar sein. Ein PDF digitalisiert Papier, aber noch keine Verantwortung.

Elektronische Entgeltunterlagen sind die nach den sozialversicherungsrechtlichen Vorgaben elektronisch zu führenden Nachweise, die für Beitragsabrechnung und Arbeitgeberprüfung relevant sind. Ihr konkreter Umfang ergibt sich insbesondere aus der Beitragsverfahrensverordnung und den dazu genehmigten Gemeinsamen Grundsätzen. Sie sind weder mit dem Lohnkonto noch mit der vollständigen digitalen Personalakte gleichzusetzen.

Was sich zum 1. Januar 2027 tatsächlich ändert

Die Digitalisierung beginnt rechtlich nicht erst 2027. Die elektronische Führung der erfassten Entgeltunterlagen wurde bereits zum 1. Januar 2022 eingeführt. Nach § 8 Absatz 3 der Beitragsverfahrensverordnung kann der zuständige Prüfdienst der Deutschen Rentenversicherung Arbeitgeber jedoch auf Antrag für Zeiträume bis zum 31. Dezember 2026 von dieser Form der Führung befreien. Diese befristete Möglichkeit endet nach der am 4. September 2026 geltenden Rechtslage mit Ablauf des Jahres.

Ab dem 1. Januar 2027 entfällt damit der bisherige Aufschub. Unternehmen, die eine Befreiung nutzen, müssen ihre betroffenen Nachweise anschließend elektronisch führen. Arbeitgeber ohne Befreiung unterliegen der Vorgabe bereits heute. Die Pflicht ab 2027 ist deshalb kein Startsignal für Digitalisierung, sondern das Ende einer Übergangsfrist.

Für die Umsetzung sind neben § 8 der Beitragsverfahrensverordnung die jeweils geltenden Gemeinsamen Grundsätze nach § 9a der Verordnung maßgeblich. Arbeitgeber sollten den Rechtsstand vor der Umstellung erneut prüfen, weil technische Vorgaben und Verfahrensbeschreibungen geändert werden können.

Der häufigste Denkfehler: Digital gespeichert bedeutet noch nicht prüfbar

Die verbreitete Annahme lautet: Papier einscannen, PDF benennen, Datei speichern, Vorgabe erfüllt. Das verkürzt eine Prozesspflicht auf ein Dateiformat. Entscheidend ist, ob ein beitragsrelevanter Sachverhalt auch Jahre später nachvollzogen werden kann.

Dafür müssen die Unterlagen vollständig, lesbar und eindeutig einer beschäftigten Person sowie dem richtigen Zeitraum zugeordnet sein. Korrekturen und ersetzte Versionen dürfen keine widersprüchlichen Dokumentenstände erzeugen. Die Unterlagen müssen während der maßgeblichen Aufbewahrungszeit verfügbar bleiben und im Prüfungsfall geordnet bereitgestellt werden können. Hinzu kommen angemessene Zugriffsrechte, Datenschutz, Datensicherung und geregelte Löschprozesse.

„Prüfungsgeeignet“ bezeichnet daher kein einzelnes Produkt und keine pauschale Eigenschaft jedes PDFs. Gemeint ist organisatorisch ein Zustand, in dem Dokumentqualität, Prozessqualität und technische Verfügbarkeit zusammenwirken. Wer erst Ende 2026 scannt, digitalisiert möglicherweise vor allem seine bisherigen Ordnungsfehler.

Welche Unterlagen betroffen sind – und welche nicht

Zum relevanten Dokumentenkreis gehören die in der Beitragsverfahrensverordnung bezeichneten und in den Gemeinsamen Grundsätzen konkretisierten Nachweise. Typischerweise betrifft das Unterlagen, mit denen Versicherungsstatus, Versicherungsfreiheit oder Befreiungen, beitragsrechtliche Beurteilungen, Beschäftigungsmerkmale und weitere für Meldungen oder Sozialversicherungsbeiträge maßgebliche Tatsachen belegt werden. Dazu können etwa Anträge, Erklärungen, Bescheide und Statusnachweise gehören.

Eine pauschale Dokumentenliste ist riskant: Ob ein Nachweis elektronisch zu den Entgeltunterlagen genommen werden muss, hängt von der geltenden Rechtsgrundlage und dem jeweiligen Beschäftigungssachverhalt ab. Unternehmen sollten deshalb ein Dokumentenkataster erstellen, das für jede Unterlagenart Quelle, Zweck, Format, Speicherort, Zuständigkeit und Aufbewahrung festhält.

Abgrenzung elektronischer Entgeltunterlagen von verwandten Begriffen
Begriff Zweck Abgrenzung
Elektronische Entgeltunterlagen Beleg sozialversicherungsrechtlich relevanter Sachverhalte Gesetzlich bestimmter Dokumentenkreis, nicht die gesamte Personalakte
Digitale Personalakte Umfassende Verwaltung personalbezogener Dokumente Kann Entgeltunterlagen enthalten, umfasst regelmäßig aber weitere Inhalte
Lohnkonto Steuerliche Aufzeichnung der Entgeltabrechnung Eigene steuerrechtliche Funktion und Vorgaben
euBP Elektronische Übermittlung und Auswertung von Prüfdaten Prüfverfahren, nicht bloß Dokumentenablage

Die gesamte Personalakte muss folglich nicht allein aufgrund dieser Regelung digitalisiert werden. Umgekehrt erfüllt eine vorhandene elektronische Personalakte die Anforderungen nicht automatisch. Entscheidend bleibt, ob der gesetzlich relevante Dokumentenkreis vollständig und nach den maßgeblichen Vorgaben geführt wird.

Elektronische Entgeltunterlagen und euBP sind nicht dasselbe

Die elektronischen Entgeltunterlagen betreffen Führung, Zuordnung und Aufbewahrung von Nachweisen. Die elektronisch unterstützte Betriebsprüfung, kurz euBP, betrifft dagegen die elektronische Übermittlung und Auswertung prüfungsrelevanter Daten durch die Prüfdienste der Deutschen Rentenversicherung. Rechtsgrundlagen, Übergangsregelungen und technische Verfahren sind deshalb getrennt zu betrachten.

Ein Unternehmen kann seine Abrechnungsdaten technisch übermitteln und dennoch lückenhafte Belege besitzen. Ebenso können sauber abgelegte Nachweise vorhanden sein, während die Datenbereitstellung für die euBP unzureichend vorbereitet ist. Eine Betriebsprüfung testet nicht, ob ein Unternehmen viele Dateien besitzt, sondern ob beitragsrelevante Sachverhalte nachvollziehbar belegt werden können.

Das unterschätzte Risiko liegt an den Schnittstellen

In einem typischen mittelständischen Unternehmen reicht eine Führungskraft eine Arbeitszeitkorrektur per E-Mail ein. HR speichert die Nachricht lokal, Payroll übermittelt geänderte Werte an die Steuerberatung, während der ursprüngliche Nachweis im Postfach verbleibt. Die Abrechnung stimmt möglicherweise. Der Weg zur Korrektur ist jedoch nicht zentral dokumentiert und später nur mit manueller Suche rekonstruierbar.

Solche Lücken entstehen zwischen Beschäftigten, Führungskräften, HR, Entgeltabrechnung, IT und externen Dienstleistern. Die größte Schwachstelle liegt häufig nicht in der Lohnabrechnungssoftware, sondern an den Übergängen zwischen Menschen, Systemen und Dienstleistern.

Auch Outsourcing beseitigt das Risiko nicht. Ein Steuerberater oder Payroll-Anbieter kann vereinbarte Tätigkeiten übernehmen. Der Arbeitgeber muss dennoch sicherstellen, dass Meldungen, Beitragsabrechnung und Nachweise ordnungsgemäß organisiert sind. Verträge sollten deshalb festlegen, wer Dokumente entgegennimmt, fachlich prüft, zuordnet, auf Vollständigkeit kontrolliert, aufbewahrt und im Prüfungsfall exportiert. Ebenso wichtig ist, was bei einem Anbieterwechsel geschieht.

Was Arbeitgeber bis 2027 konkret vorbereiten sollten

  1. Dokumentenbestand erfassen: Alle beitragsrelevanten Unterlagenarten, Eingangswege, Papierarchive, E-Mail-Postfächer, lokalen Ordner und externen Speicherorte aufnehmen.
  2. Rechts- und Prozessprüfung durchführen: Dokumentenkreis anhand der aktuellen Beitragsverfahrensverordnung und der Gemeinsamen Grundsätze abgleichen. Bestehende Befreiungen und deren Reichweite dokumentieren.
  3. Zuständigkeiten festlegen: Für Eingang, Prüfung, Zuordnung, Korrektur, Ablage, Export und Löschung jeweils eine verantwortliche Rolle sowie eine Vertretung benennen.
  4. Technische Umsetzung auswählen: Systeme nach Anforderungen und Schnittstellen beurteilen, nicht nach dem Versprechen allgemeiner „Rechtssicherheit“. Entscheidend sind unter anderem Zuordnung, Lesbarkeit, Zugriffsschutz, Protokollierung, Export und Datensicherung.
  5. Bestände geordnet migrieren: Dubletten, unlesbare Scans und widersprüchliche Versionen vor der Übernahme klären. Eine ungeprüfte Massenmigration verschiebt bestehende Fehler lediglich in ein neues System.
  6. Testprüfung simulieren: Für mehrere Beschäftigte und Abrechnungszeiträume sämtliche relevanten Nachweise kurzfristig bereitstellen. Dabei Korrekturen, Vertretungszugriffe und die Übergabe an den Prüfdienst mitprüfen.
  7. Regelbetrieb kontrollieren: Vollständigkeit nicht nur vor Betriebsprüfungen, sondern stichprobenartig im laufenden Prozess überwachen.

Sozialversicherungsrechtlich sind Entgeltunterlagen nach § 28f des Vierten Buches Sozialgesetzbuch grundsätzlich geordnet bis zum Ablauf des auf die letzte Arbeitgeberprüfung folgenden Kalenderjahres aufzubewahren. Steuer-, handels- oder andere spezialgesetzliche Fristen können unabhängig davon weiter reichen. Das Löschkonzept muss deshalb mehrere Rechtsgrundlagen zusammenführen, statt Datenschutz und Aufbewahrung gegeneinander auszuspielen.

Der strategische Gewinn jenseits der Pflicht

Ein geregeltes elektronisches Entgeltarchiv kann Suchzeiten, Rückfragen und Abhängigkeiten von Einzelpersonen verringern. Sein eigentlicher Wert liegt jedoch in der Transparenz: Das Unternehmen erkennt, wo Nachweise entstehen, welche Entscheidung sie belegen und wer für ihre Qualität verantwortlich ist.

Damit wird die Regelung zum Test organisatorischer Reife. Gute Software kann einen klaren Prozess unterstützen. Sie kann aber weder fehlende Zuständigkeiten noch unklare Dokumentenwege reparieren. Ab 2027 entscheidet nicht der Speicherort über die Prüfungsfähigkeit, sondern die Qualität des gesamten Dokumentenprozesses.

FAQs

Werden elektronische Entgeltunterlagen erst ab 2027 eingeführt?

Nein. Die elektronische Führung ist bereits seit 2022 vorgesehen. Zum 31. Dezember 2026 endet nach der geltenden Rechtslage die befristete Möglichkeit, sich auf Antrag für entsprechende Zeiträume davon befreien zu lassen.

Muss ab 2027 die gesamte Personalakte digital sein?

Nein. Die Pflicht betrifft den sozialversicherungsrechtlich bestimmten Kreis elektronischer Entgeltunterlagen. Eine digitale Personalakte kann diese enthalten, ist mit ihnen aber nicht identisch.

Reicht es aus, Papierunterlagen als PDF zu scannen?

Nicht automatisch. Erforderlich sind insbesondere Vollständigkeit, Lesbarkeit, eindeutige personelle und zeitliche Zuordnung, geordnete Aufbewahrung, nachvollziehbare Bearbeitung und fristgerechte Verfügbarkeit.

Welche Entgeltunterlagen müssen elektronisch geführt werden?

Maßgeblich sind die in der geltenden Beitragsverfahrensverordnung erfassten und durch die aktuellen Gemeinsamen Grundsätze konkretisierten Nachweise. Arbeitgeber sollten den Dokumentenkreis für ihre Beschäftigungssachverhalte anhand dieser Primärquellen bestimmen.

Ist eine bestimmte Software vorgeschrieben?

Nein, eine allgemeine Produktpflicht besteht nicht. Das eingesetzte Verfahren muss jedoch die jeweils geltenden rechtlichen und technischen Anforderungen erfüllen und eine geordnete Bereitstellung ermöglichen.

Sind elektronische Entgeltunterlagen und euBP identisch?

Nein. Elektronische Entgeltunterlagen betreffen Führung und Aufbewahrung von Belegen. Die euBP ist das Verfahren zur elektronischen Übermittlung und Auswertung prüfungsrelevanter Daten.

Wer ist verantwortlich, wenn ein Steuerberater die Lohnabrechnung übernimmt?

Der Arbeitgeber bleibt verantwortlich dafür, dass seine sozialversicherungsrechtlichen Pflichten ordnungsgemäß erfüllt werden. Aufgaben können vertraglich übertragen werden; Verantwortung und Kontrollbedarf entfallen dadurch nicht pauschal.

Was sollten Arbeitgeber 2026 zuerst tun?

Mit einem Dokumenten- und Prozessinventar beginnen. Danach sollten Zuständigkeiten verbindlich geregelt und die Bereitstellung vollständiger Unterlagen in einer simulierten Betriebsprüfung getestet werden.

Quellen

  1. Beitragsverfahrensverordnung, insbesondere §§ 8 und 9a, geltende Fassung am 4. September 2026.
  2. Sozialgesetzbuch Viertes Buch, insbesondere §§ 28f und 28p, geltende Fassung am 4. September 2026.
  3. Spitzenorganisationen der Sozialversicherung: Gemeinsame Grundsätze für die elektronische Aufbewahrung und den elektronischen Abruf von Entgeltunterlagen nach § 9a BVV, jeweils geltende Fassung.
  4. Deutsche Rentenversicherung: Fachinformationen zu elektronischen Entgeltunterlagen, Arbeitgeberprüfungen und euBP.
  5. Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Gesetzgeberische und aufsichtsrechtliche Informationen zum Beitrags- und Meldeverfahren.
  6. Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit: Informationen zum Schutz von Beschäftigtendaten und zur Auftragsverarbeitung.
  7. Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: Empfehlungen zu Zugriffsschutz, Datensicherung und sicherer elektronischer Dokumentenablage.